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detlev | 16.06.2015 | 11:34 Uhr | ID 99570
Weicher Tuffstein auf die harte Tour – Kappadokien 2015

Okay, bevor das Forum völlig erstirbt ... Zu einem kompletten Reisebericht hat es noch nicht gereicht, hier eine Episode.
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Weicher Tuffstein auf die harte Tour

Wie geplant, sind wir auch bei unserer diesjährigen Motorradtour nicht um Kappadokien herumgekommen – also zum neunten Mal. Die ersten Male haben wir uns mehr um die reinen Naturschönheiten gekümmert, Kirchen etc. nur am Rande mitgenommen. Später kamen etwa das Ihlara-/Peristrema-Tal dazu, im vorletzten Jahr dann auch mal eine Ballonfahrt und 2014 verspätet die Standards wie Göreme OpenAir, Pashabagi etc.
Für dieses Jahr hatten wir eine ganz besondere »Begehung« geplant: Ein Bekannter, der ursprünglich aus einem Nachbarort zu unserem Wohnort stammt, verbringt seit Jahren die meiste Zeit in Kappadokien und hat sich einen Namen als einer der besten Kenner der dortigen Kirchen gemacht. Und dabei darf man nicht nur an die bekannten Sachen denken, der Großteil der Schätze ist wohl noch unentdeckt bzw. nur wenigen, zumeist Einheimischen, bekannt. Zusammen mit einem Freund, einem Fotografen, hat es sich unser Bekannter zur Aufgabe gemacht, die unbekannten Kirchen zu dokumentieren, bevor sie vermutlich irgendwann zusammenfallen.
An unserer kleinen Wandertruppe nehmen außer meiner Frau und mir noch zwei Frauen teil, die auch aus unserem Heimatort stammen und die wir im Vorfeld an unseren Bekannten vermittelt haben, zudem noch ein Freund von ihm, der als Nachhut dient und aufpasst, dass niemand verschütt geht.
Da unsere Wanderung auf etwa 10 Stunden angesetzt ist, starten wir zeitig in Uchisar, fahren ein paar Kilometer, um zu unserem Einstieg zu gelangen. Ausgerüstet sind wir zwar nicht hochgebirgstauglich, aber doch so, wie es sich für eine zünftige Wander- und Klettertour gehört. Wer bei Kappadokien nur an bizarre Tuffkegel und bunt ausgemalte Kirchen denkt, der sollte sein Bild auf jeden Fall noch durch eine Wanderung durch eines oder mehrere der im Frühjahr grün durchwucherten Täler vervollständigen. Auch wir wandern zunächst durch üppiges Grün, manchmal durch natürliche Felsentunnel, nicht selten müssen wir eine Art Seilschaft bilden, um Hindernisse gemeinsam zu überwinden. Andere Menschen begegnen uns so gut wie nicht, trotzdem ist man selten ganz alleine, denn immer wieder finden sind in der Abgeschiedenheit kleine Gärten und Pflanzungen, die von Einheimischen angelegt wurden. Mit einigen hat unser Führer Absprachen getroffen: Er darf mit seinem Trupp vorsichtig durch die Gärten marschieren, immer unter der Maßgabe, nichts zu zertrampeln und vor allem, diese Pfade nicht an andere zu verraten. Einer dieser Bauern, ein freundliches kleines Hutzelmännchen, erklärt uns, was er anbaut und zeigt uns seine Frischwasserquelle und die beiden Felsnischen, in denen er sich vorübergehend häuslich eingerichtet hat – immer wieder nach Hause zu gehen, wäre zu aufwändig.
Langsam schwant uns, auf was wir uns eingelassen haben, manche Hindernisse lassen sich tatsächlich nur mit aller Kraft und zum Teil auch nur mit etwas Mut überwinden. Immer wieder werden wir zu Trinkpausen angehalten, denn auch in den Tälern wird es langsam warm.
Schon allein die Natur lässt einen an jeder Abzweigung neu staunen, in Kappadokien kommt aber immer noch das dazu, was von Menschenhand zum Teil daraus gemacht wurde. Eine der ersten Höhlenkirchen, die wir heute zu Gesicht bekommen, ist von atemberaubender Schlichtheit (kein Widerspruch, wie wohl jeder, der das mal gesehen hat, bestätigen könnte): heller, fast weißer Tuff, lediglich mit rotbraunen Ornamenten verziert. Zu diesen Gelegenheiten kommt dann auch regelmäßig die außerordentliche Sachkenntnis unseres Führers zum Tragen, wenn er uns die ikonografischen Details erklärt, wobei die geschichtlichen Hinweise, etwa auf die Ereignisse und Auswirkungen des Bildersturms in diesem Zusammenhang besonders interessant sind. Uns Laien amüsiert besonders eine Abbildung, die »eindeutig« eine alte Londoner Straßenlaterne zeigt ...
Hin und wieder kreuzt unser Pfad bewohntes Terrain, nicht unwillkommen ist die Möglichkeit, bei einer Rast einen frisch gepressten Orangensaft kredenzt zu bekommen.
Ich halte mich für immer noch recht fit, doch werden auch bei mir die Pausenintervalle kürzer. Dem etwas langsameren Tempo ist geschuldet, dass wir wohl nicht alles wie geplant werden anschauen können, allerdings raunt unser Guide etwas von zwei Highlights, die wir unbedingt noch angehen sollten.
Zunächst schleichen wir uns wieder durch einen Gemüsegarten, bis wir an eine Höhle gelangen, die ein Bauer als Lager nutzt. In der Höhle führt eine in den Tuff gehauene Treppe steil aufwärts, der Bauer hat den Zugang dankenswerterweise freigeräumt. Wir zücken die Taschenlampen und quälen uns hoch, lediglich mit Händen und Füßen abgestützt überwinden wir senkrecht nach oben führende Passagen, an denen die Stufen fehlen. Wer es nicht alleine schafft, der wird gedrückt und gezogen. Aber wie sagt der Lateiner: »Per aspera ad astra – Auf rauen Wegen zu den Sternen«. Nachdem wir gefühlte 100 Höhenmeter überwunden haben, wird es noch einmal etwas prekär, eine Teilnehmerin wagt nur unter gutem Zureden (und Zupacken) die letzten Schritte über den Abgrund. Belohnt werden wir mit einer der schönsten Aussichten, die Kappadokien zu bieten hat (und derer sind nicht wenige). Stolz fotografieren wir uns wie nach einer Erstbesteigung. Der Weg runter verläuft zum Teil anders, aber nicht weniger fordernd – teilweise müssen wir uns auf dem Bauch kriechend durch enge Öffnungen im Fels zwängen, manche Bergabpassage lässt sich nur einige Meter auf dem Hosenboden rutschend bewältigen.
Dieselben Kräfte, die im Laufe der Zeit diese fantastisch bizarre Landschaft Kappadokiens geschaffen haben, sind weiter am Werk und werden nach und nach dafür sorgen, dass Kirchen zusammenfallen, die putzigen Hüte auf den Tuffkegeln runterpurzeln und die Gegend tendenziell eingeebnet wird. Aus diesem Grund haben sich unser Führer und sein Bekannter vorgenommen, die Kirchen mit Fotos zu dokumentieren. Einer seiner Lieblingskirchen, die »Weiße Kirche«, sollen wir als krönenden Abschluss noch zu Gesicht bekommen. Wenn man darin steht, braucht es keine weitere Begründung mehr für seine Faszination. Auch hier wieder der weiße Tuff, die Kirche jedoch nicht einfach eine Höhle, sondern komplett mit Säulen etc. aus dem Gestein herausmodelliert. Natürlich erfolgen auch hier wieder hochinteressante Erläuterungen, die ich mir angesichts der Fülle der heutigen Eindrücke kaum zu merken vermag. EinTeil der Kirche war durch einen natürlichen Wassereinbruch vom (vorzeitigen) Einsturz bedroht, woraufhin unser Führer und sein Bekannter in einer Nacht- und Nebelaktion ein Schutzdach installierten, welches das Wasser umlenkt und die Kirche vorerst vor weiterem Schaden bewahrt. Auch Kirchenferne können sich vielleicht vorstellen, dass wir an diesem Ort »Großer Gott, wir loben dich« anstimmen mussten – und dass uns dabei ein Schauer den Rücken herunterlief.
Nach zehn Stunden sind wir langsam am Ende unserer Kräfte, trotzdem sputen wir uns, denn ein Gewitter zieht auf. Wieder im Standquartier unserer Bekannten angelangt, verabschieden wir uns schnell uns steigen auf mein Motorrad (meine Frau hat ihres heute stehen lassen). Zusätzlich zu der schwarzen Gewitterwand wird es auch ansonsten dunkel und ich gebe Gas. Regen ist zwar, zumal ohne Regenkombi, unangenehm, aber nicht das Problem, Gewitter nötigen mir allerdings schon Respekt ab.
Normalerweise führt die Strecke von Uchisar nach Mustafapasha über Göreme und Ürgüp, dankbar registriere ich, dass das Navi eine Abkürzung über Ortahisar kennt. Wir passieren den kleinen Ort und halten auf Mustafapasha zu. Schnell wandelt sich das geflickte Asphaltsträßchen in eine »Toprak Yol«, also eher einen Feldweg. Zwar stimmt die Richtung noch, aber der Weg wird zunehmend schwierig zu fahren, trotzdem gebe ich Gas, denn das Gewitter ist noch nicht abgezogen. Das Navi weist irgendwo vor uns eine 180°-Kehre aus, die aber partout nicht kommen will – die Strecke ist doch länger als erwartet und wir kommen trotz gefühltem Tiefflug nicht schnell voran, kein Wunder, denn von dem vormaligen Feldweg ist nur noch ein Trampelpfad übriggeblieben. Als plötzlich im Scheinwerferlicht die hohe Fassade eine Felsenklosters vor uns aufragt, dämmert es mir buchstäblich: Wir sind mitten im Gomeda-Tal! Aber wie zum Henker sind wir hierhin geführt worden? Auch dazu kommt mir die Erleuchtung: Ich hatte mein Navi, das kein reines Straßen-, sondern auch ein Outdoor-GPS ist, noch auf »Wandermodus« stehen! Und so wollte es uns durch das Tal führen, dass wir schon zwei Mal durchwandert sind, selbst zu Fuß nicht ohne Probleme. Als dann noch vor mir ein Bachlauf auftaucht, gibt es nur noch: »Kommando zurück!« Mit vereinten Kräften, mittlerweile steht uns beiden das Wasser in der Kimme, bekommen wir das Motorrad gewendet, dabei sehen wir die Hand kaum mehr vor Augen. Zum Glück ist am Navi auch die so genannte Track-Aufzeichnung aktiviert, wir können also sehen, auf welchem Wege wir hierhin gelangt waren. Also auf demselben Weg zurück, erleichtert passieren wir wieder das Ortschild von Ortahisar und orientieren uns schnell auf der »richtigen« Strecke Richtung Ürgüp und landen erschöpft, aber trocken und überglücklich, in Mustafapasha.
Und für meine Frau bin ich bis heute ihr Held.

© 2015 Detlev Simon

Beiträge
Monika | 17.06.2015 | 11:34 Uhr | ID 99575
Re: Weicher Tuffstein auf die harte Tour – Kappadokien 2015

Lieber Detlev,
vielen lieben Dank für Deinen schönen Bericht!

Ich bin ein großer Kappadokien-Fan und habe die Gegend ebenfalls in einem Frühsommer wandernd und stromernd durch die Täler kennen lernen dürfen und dabei auch die eine oder andere versteckte kleine Kirche bewundern dürfen.

Einfach zauberhaft!

Viele Grüße
Moni

@chim | 18.06.2015 | 14:51 Uhr | ID 99579
Re: Weicher Tuffstein auf die harte Tour – Kappadokien 2015

Danke Detlev für die interessante Episode.
Bin wieder einmal gespannt auf den ganzen Bericht.

LG
@chim

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