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Türkei Forum
Thema
Detlev | 07.11.2008 | 09:30 Uhr | ID 68312
Massage in Anamur

Moin,
nachfolgend eine kleine Türkei-Episode – zum Schmunzeln und vielleicht zur Vorfreude.

Detlev

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Anamur – mon amour
Es war einmal vor langer Zeit in einem türkischen Südküstenstädtchen, dessen Name fast jedem geläufig war, von dem aber, zumindest zu der Zeit, kaum jemand wusste, wo es liegt. Anamur. Lange bevor sich die Krakenarme der Touristenhochburgen auch nach entlegeneren Orten ausstrecken. Ein verschlafenes Nest, in dem man auf dem Postamt noch etwas misstrauisch-interessiert gemustert wurde.
Wir sind zum zweiten Mal da. Der erste Besuch erstreckte sich nur über einige Stunden, Zweck war einfach, mal dieses legendäre »Anamur« gesehen zu haben. Das Verschlafene erschien uns attraktiv genug, um nochmal wiederzukommen. Jetzt, zwei Jahre später, sind wir also wieder da, diesmal für ein paar Tage.
Er war uns bei unserem ersten Besuch schon einmal begegnet. Ali. Wie sonst. 50 Prozent aller Türken heißen Ali. Die anderen 50 Prozent Mehmet – der Rest Mehmet Ali. Zu der Zeit erstreckt sich unser Türkischwortschatz auf »Merhaba«, »Dolmuş« und – mit Mühe – »Teşşekür ederim«. Ali spricht mindestens halb so gut deutsch. Zur Kontaktaufnahme an der Mole hält er uns ein Bündel abgegriffener Visitenkarten unter die Nase. Viele tragen handschriftliche Vermerke: »Fantastic!«, »Ali hat goldene Hände«, »Thank you, Ali!« Alis erklärendes »Masaj, Masaj« führt uns auf die richtige Spur. Der kleine alte Herr – an die siebzig muss er sein – bessert seine wohl eher schmale Rente auf, indem er Touris durchwalkt. Ich lasse mir die Visitenkarten nochmal geben und blättere sie durch. Selbst prominente Namen finden sich darunter. Ein Hamam-Besuch gehört für uns zumeist zum Pflichtprogramm einer Türkeireise. Anamur hat kein Hamam, dann also »Masaj«? Wir schauen uns unschlüssig an. »Okay, Ali, wo läuft das ab?« Er scheint die Frage verstanden zu haben und entgegnet »My house, my house.« Heute ist keine Zeit mehr, das Abendessen steht an. »Also, Ali: Tomorrow, 4 o’clock, okay?« – »Okay, tomorrow masaj, my house.”
Der Tag drauf. Ich bin mir bis heute nicht sicher, wer die blöde Idee hatte, auf das Angebot einzugehen. »Du wolltest doch unbedingt!« – »Nee, du!« Einfach nicht auftauchen ist nicht unser Stil, also los. Die Hoffnung, dass Ali seinerseits nicht auftaucht, zerschlägt sich schnell. Wir treffen ihn an der Mole und er zockelt voran. Imposanter als das kleine Häuschen, das er sein Eigen nennt, ist sein Eheweib. Aber das hölzerne Podest, auf dem die Dame im Schneidersitz thront, ist stabil genug. Dass sie diejenige ist, die in diesem Haushalt die (Pump-)Hosen anhat, wird auch durch die lange Zigarettenspitze unterstrichen, an der sie unentwegt saugt. Wir grüßen freundlich und mit zunehmender Beklemmung, während Ali sich, immer noch im Vorgarten, umzieht. (Später aufgetauchte Beweisfotos zeigen ihn in der Unterhose unter seinem Apfelbaum.) Dann bittet er uns rein. Ein letzter wehmutsvoller Blick, dann ergeben wir uns in unser Schicksal. Madam bleibt vorerst draußen. Als sich unsere Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, erspähen wir eine Liege. Der Bezug erinnert mich an eine schöne Sitzgarnitur aus Büffel-Fettleder, die ich mal in einem viel zu teuren Laden gesehen hatte. Allerdings besteht dieser Bezug hier aus Stoff, die speckige Oberfläche muss sich im Laufe unzähliger Massagesessionen gebildet haben. Mein Immunsystem hatte sich bislang als recht robust erwiesen, aber das da …? Ich erinnere mich an die Visitenkarten. Aber wenn die Seuche erst später zu Hause ausbrach? Ali reißt mich aus den Todesvisionen, indem er mir bedeutet, mich auszuziehen. Ganz? »Evet!« Während ich mich meiner Kleidung entledige, hockt Ali auf dem Boden. Auf einem Stück Zeitung stehen drei kleine Gläschen, wohl eine Art selbstgemischtes Massageöl. Schicksalsergeben lege ich mich auf die Büffellederliege. Zuerst auf den Bauch. Ich schaue nochmal an mir runter – Tripper ist also sicher. Ali, nein, jetzt nicht mehr in Unter-, sondern in Jogginghose, Unterhemd und mit einem Petzel auf dem Kopf, kniet sich über mich. Rache für die Niederlage vor Wien? Muslimische Variante des »peinlichen Verhörs« der Inquisition? Mach wenigstens schnell!
Ein Wunsch, den ich in der Folge umgehend widerrufe. Balsamduft umgibt mich. Kraftvoll-zärtliche Hände greifen nach mir, massieren mich, immer genau auf der Trennlinie zwischen höchster körperlicher Wonne und dem Wunsch, zurückzuhauen. Den Zustand meiner Schultermuskulatur beschreibt Ali sehr anschaulich mit »Beyton«. Wer je einem kundigen und fähigen »Telak«, dem türkischen Hamam-Bademeister, in die Hände gefallen ist, der wird ansatzweise wissen, was mir widerfährt. Im Rahmen meiner Hamam-Besuche habe ich viele dieser Prozeduren genossen, aber was Ali da vollführt, hat wirklich ein bisschen was von Zauberei. Viel zu schnell ist die halbe Stunde rum. Als mir die Liege gerade ans Herz gewachsen ist, nimmt mich Ali an die Hand und führt mich in den Nebenraum. Ganz augenscheinlich das, was als Küche dient: Zwiebeln und Knoblauch baumeln von der Decke, Pfannen an der Wand, ein Holzofen als Kochstelle. Ich hocke mich auf ein niedriges Bänkchen, während Ali Wasser erwärmt. Neben dem Bänkchen zieht sich eine kleine Rinne durch den Fußboden, verschwindet irgendwo in der Wand. Abfluss auf Türkisch. Dann macht sich Ali daran, mich von Kopf bis Fuß zu waschen. In Anamur gibt’s also doch ein Hamam! Schließlich wickelt er mich noch in ein paar Tücher und lässt mich auf einem Stuhl Platz nehmen. Nun ist es an Rendel, sich auszuziehen. Jetzt, wo es um die Frau geht, hat sich auch die Dame des Hauses hereinbegeben und überwacht die Zeremonie, die der an mir vollzogenen gleicht. Rendel, die Zeit ihres Lebens an Verspannungen an Schulter und Rücken leidet, beteuert bis heute, niemals mehr eine bessere Massage erhalten zu haben. Nachdem auch sie die »Wasch-Küche« durchlaufen und sich wieder angezogen hat, zeigt uns Ali noch ein Fotoalbum mit Bildern, die ihm »Patienten« zugesandt haben. (Auch wir haben alles beweiskräftig mit Fotos dokumentiert – glaubt einem ja keiner. Aber leider nicht jugendfrei.)
Beim abschließenden Çay zücke ich den Geldbeutel, der verlangte Preis ist nicht billig, aber so, dass ich ohne Weiteres mehr bezahlt hätte.
Etwas benommen treten wir aus dem Halbdunkel nach draußen. Wir hatten bestimmt nur geträumt.
Auf dem Weg zur Pension geht es wieder los: »Du wolltest doch erst nicht!« – »Ja, und du?«
Wir hatten uns, trotz aller anfänglicher Vorbehalte, mal wieder auf eine Kultur eingelassen und – wie meistens – eine gute Erfahrung mitgebracht.
© 2007 Detlev Simon

Beiträge
andy | 07.11.2008 | 12:25 Uhr | ID 68316
Re: Massage in Anamur

Manche Texte sind wie gute Musik dieser gehört dazu.

Ralf | 07.11.2008 | 17:56 Uhr | ID 68319
Re: Massage in Anamur

Dein Beitrag hat mir sehr gut gefallen, so dass ich kommenden Frühjahr nach Ali Ausschau halten werde, nochmals Danke für diesen wunderbaren Bericht.

Martina Diehl | 08.11.2008 | 18:43 Uhr | ID 68350
Re: Massage in Anamur

Selam Detlev,

Dein Artikel ist wirklich toll. Herzlichen Glückwunsch! Ich liebe es, wenn man in Bildern schreibt und das ist Dir 100%ig gelungen.

Alles Gute,
martina

Detlev | 08.11.2008 | 19:51 Uhr | ID 68353
Re: Massage in Anamur

`n Abend,

schön, dass es euch gefallen hat. Wer jedoch mit Nachahmung liebäugelt, dem sei gesagt, dass sich das schon 1992 zugetragen hat. Anamur ist nicht mehr verschlafen und ich fürchte, Ali massiert nicht mehr ...

Gruß
Detlev

sandmann | 09.11.2008 | 10:52 Uhr | ID 68361
Re: Massage in Anamur

Die Episode ließ sich tatsächlich wunderbar. Nun kommen aber einem die Zweifel, ob es sich hier tatsächlich um einen Erlebnisbericht geht, oder wir hier mit einem modernen Karl May zu tun haben. Dem Autor würde ich raten, seine Episoden künftig auf Papier zu bringen und dann verkaufen.

Jedenfalls haben derartige Geschichten hier nicht zu suchen.

Sandmann

Detlev | 09.11.2008 | 12:45 Uhr | ID 68366
Re: Massage in Anamur

Hi, Sandmann,

ich weiß zwar nicht, warum ausgerechnet »derartige Geschichten« hier nichts zu suchen hätten – du weißt schon, dass es hier um »Türkei« und »Reise« geht?

Wenn du mir deine E-Mail gibst, schick ich dir gerne zwei, drei der »zeigbaren« Bilder. Mir erschließt sich allerdings auch nicht ganz, warum du meinst, mir Karl-May-hafte Schwadroniererei unterstellen zu müssen, denn soo exotisch ist die Geschichte ja nun auch nicht. Im Übrigen hat sie sich im Blick auf die Fakten exakt so abgespielt. Aber für jemanden, der wohl eher misanthropisch veranlagt ist, spielt das wohl keine Rolle.

Gruß,
Detlev

mod | 09.11.2008 | 14:48 Uhr | ID 68369
Re: Massage in Anamur

Wenn es etwas gibt, was ich an dieser entzückenden Geschichte ändern würde, dann wäre es der eine oder andere eingefügte Absatz, damit man es leichter lesen kann. ;-)

Ich würde mir sehr wünschen mehr Reiseberichte hier lesen zu können – den genau das hat mit Urlaub, Reisen, fremden Kulturen und neuen Einsichten zu tun. Mal was ganz anderes als die (durchaus berechtigten aber halt etwas eintönigen) Fragen nach dem billigsten Transfer oder den höchsten Zinsen.

Herzlichen Dank an Detlev.


g
mod

Sandmann | 09.11.2008 | 16:00 Uhr | ID 68370
Re: Massage in Anamur

Hallo Detlev,

es ist nicht meine Art, über eine Thema bis zum Unendliche zu diskutieren. Denn es führt häufig zu keinem Ergebnis. Mein Beitrag war kein Angriff auf Dich. Es war auch ehrlich gemeint, dass Dein Beitrag angenehm zu lesen war.
Kritisch sehe ich aber Deinen Beitrag mit der Jahreszahl 2007 deswegen, wenn erst später der Hinweis mit dem Jahre 1992 kommt. Man kann sich genau vorstellen, dass diejenigen, die auf diesen Beitrag hin eine Reise planten, sich nun vera… fühlen.

Hallo Mod,
Gelegentlich äußerte ich im Forum meine Meinung, dass man nicht jedem Recht machen kann. Das gilt hier auch. Trotzdem einige Zeilen an Dich.
Die Zeiten ändert sich und die Menschen, Kulturen wandeln sich dabei. Ein Erlebnis vor mehr als 14 Jahren ist nicht mehr aktuell und hilft einem, der eine Reise plant und Anregungen im Forum sucht, wenig.
Es war nicht abwertend für den Verfasser/Beitrag gemeint, wenn ich sagte, dieser Beitrag gehört nicht hier. Wenn ich mich über fremde Kulturen, Einsichten unterrichten möchte, besorge ich mir gerne Bücher. Ein Internetforum sollte AKTUELLES anbieten. Im Internetzeitalter sind 14 Jahre jedenfalls nicht aktuell.
Übrigens bei einer grundsätzlichen Diskussion hier die Beispiele »dem billigsten Transfer oder den höchsten Zinsen« zu bringen, kommt zu einem Vergleich von Äpfel mit Birnen gleich.

Grüße
Sandmann

Johann Waitzbauer | 09.11.2008 | 16:52 Uhr | ID 68372
Re: Massage in Anamur

Hallo Detlev,
zunächst meinen allerherzlichsten Dank für die wunderbare Geschichte. Da ich selbst seit über 20 Jahren immer wieder in dieses Land fahre, habe ich die ganze Geschichte bildlich vor mir gesehen und mußte wirklich sehr schmunzeln. Welch eine schöne Erinnerung. Lass Dich bitte nicht von ach so aktuell sein wollenden Forumsteilnehmern verunsichern. Das ist eine Geschichte, die absolut hier hin gehört, weil sie von den Menschen erzählt, wie sie früher in der Türkei gang und gäbe waren: nämlich sehr herzliche und freundliche!!
Das findet man heute nur noch (mit wenigen Einschränkungen) dann, wenn ein gutes Geschäft erwartet wird. Und dann natürlich noch die geschulte professionelle Freundlichkeit des mehr oder weniger gut ausgebildeten Hotelpersonals.
Das lieber Sandmann ist die aktuelle Situation in der Türkei (leider!!!!). Die wirklich von Herzen kommende Freundlichkeit ist wohl unter den Fundamenten der 4- und 5-Sterne-Hotels vergraben worden. Aber wenn man wirklich will, findet man sie manchmal eben doch noch...
Lieber Detlev, ich weiss, dass Du mit Deiner Frau sehr viel mit dem Motorrad in die Türkei reist. Leider ist mir das nicht vergönnt – ich bin schon Ende 60, aber ich bin in den letzten 3 Jahren immerhin 4 Mal mit dem Auto in die Türkei gefahren. Richtig schön über Land! Auch
da findet man noch die »Türkei«.
Alles Gute
Johann

Detlev | 09.11.2008 | 17:52 Uhr | ID 68376
Re: Massage in Anamur

Hi Sandmann,

auch ich möchte das nicht endlos diskutieren, doch setzt der Beitrag ausdrücklich mit »vor langer Zeit« ein und geht dann weiter mit »jetzt, zwei Jahre später«. Und ich denke, dass die – nennen wir es mal so – »literarische Gattung«, die sich bei der Lektüre unschwer erkennen lässt, schon klar macht, dass es sich nicht um einen Reisetipp im üblichen Sinne handelt, sondern eben um eine Episode, die zunächst unterhalten sollte und dann noch ein wenig von touristische Erlebnismöglichkeiten jenseits von Pauschalurlaub erzählen sollte. – Der kaum verhohlenen Unterstellung, hier Erfundenes zum Besten zu geben, konnte jedoch nicht unwidersprochen bleiben. Wenn das eine gut erfundene Geschichte wäre – und sei sie noch so gut -, dann wäre sie hier wohl tatsächlich fehl am Platz.

Gruß
Detlev

@all: Ich hab mal ein paar der Bilder von der Sache rausgesucht und »jugendfrei« gemacht. Hab nur gerade ein Probleme mit meinem Server. – Reiche ich nach.

Detlev | 10.11.2008 | 09:48 Uhr | ID 68391
Re: Massage in Anamur

Moin,

hier noch der versprochene Link für ein paar Bilder. Das eine ist leider verwackelt, da ohne Blitz aufgenommen, lässt aber trotzdem das Ambiente erahnen. (Zu der Zeit hatte ich noch Haare ...)

Gruß

Detlev

Anamur-Massage

Monika | 10.11.2008 | 17:40 Uhr | ID 68402
Re: Massage in Anamur

DANKE! DANKE! DANKE!

Detlev – einfach unbeschreiblich bildlich und unterhaltsam geschrieben! Und jetzt auch noch die Bilder – ich mußte einfach schmunzeln! :-)

Und mir ist es völlig wurscht, WANN die Massage erlebt wurde, denn wer heute noch individull durch die Türkei reist und sich von Touristenhochburgen fern hält, kann auch heute noch genau so eine schöne Erfahrung machen.

Viele Grüße,
Monika

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